Seit den Kämpfen in Aleppo sind bereits einige Tage vergangen. Es ist leicht zu belegen, dass globale Kräfte schon hinter den Angriffen in Aleppo steckten. An den Angriffen, in denen dutzende Zivilistinnen und Zivilisten ermordet wurden und mindestens 120.000 Menschen fliehen mussten, waren international terroristisch-eingestufte Banden beteiligt.
Alle der 4 Kommandanten der 4. Armeedivisionen der “Syrischen Arabischen Armee” aus Aleppo, die den Angriff auf die Viertel geleitet haben, sind oder waren Teil der “Syrian National Army (SNA)”, eine türkische Proxy-Miliz in Syrien. Manche von ihnen wie Sayf Abu Bakr, Brigade General der 76. Division in Alleppo, stehen wegen der Massaker an den Alawiten im Frühjahr letzten Jahres auf der EU Sanktionsliste.

– Kommandatur der in Aleppo stationierten Divisionen der syrischen Armee bei einem Treffen mit dem Stabschef der Armee, Ali al-Na’san in den Tagen um den Neujahreswechsel. (Foto: Syrian Arab News Agency)
In den letzten Tagen zeigt die Syrian Arabic National Agency (SANA), Bilder massiver Truppenbewegungen aus den östlichen Gebieten Syriens in die Regionen westlich des Euphrats, etwa 60-70 Kilometer von Aleppo. Das Zusammenziehen der Truppen und militärische Ausseinandersetzungen zwischen den Syrian Democratic Forces (SDF) und der syrischen Armee erreignen sich bereits in den Regionen um Deir Hafer, Maski, Al-Hafsah, Sebhat al-Jabbul , Tabqa und um den Tishreen Staudamm. Gestern, am 14. Januar 2026 wurden die Post und die Bäckerei in Deir Hafer durch Drohnenschläge vollständig zerstört. Heute, dem 15 Januar 2026, rief die HTS die Bevölkerung dazu auf, die Region um Deir Hafer zu evakuieren und sich über die Haupstraße nach Aleppo zu begeben.

– Operation Command of Syrian Arab army, Deir Hafer (Foto: SANA)
Seit Mitte 2025 versuchen sowohl der türkische Staat als auch einige arabische Medien wie die “Syrian Arab News Agency” (SANA) gezielt, die arabische Bevölkerung gegen die kurdische Bevölkerung aufzuhetzen und so weitere Verhandlungen zwischen der Regierung und der Demokratischen Selbstverwaltung von Nord- und Ostsyriens (DAANES) zu verhindern. Jetzt stehen alle Zeichen auf Krieg. Eine demokratische Lösung scheint vorerst in Weite Ferne gerückt. Die Revolution in Nord- und Ostsyrien ist so sehr bedroht wie seit Jahren nicht mehr.
Wer ist die HTS, wer unterstützt sie und warum?
Die Haya’at Tahrir al Sham (HTS) ist eine aus der al-Nusra Front hevorgegangenen Organisation. Die al-Nusra Front ist der syrische Arm der al-Qaeda, einer der bekanntesten und brutalsten islamistischen Terrororganisationen weltweit.
Baghdadi selbst, der Mann der den sogenannten Islamischen Staat geleitet hat, schickte Jolani nach Syrien, um dort die al Nusra Front aufzubauen. 2017, nach einigen Disputen zwischen Jolani und Baghdadi, gründete Jolani die HTS. Unter anderem versuchte er damit sich von seiner islamistischen Geschichte reinzuwaschen. So begann sein Weg in die internationale Politik.
In der syrischen Provinz Idlib, im Nordwesten des Landes, baute die HTS 2017 eine “Syrische Befreiungsregierung” (SG) auf, die der gesellschaftliche Arm der neu-angestrichenen Jihadisten werden sollte. England, die USA, Saudi Arabien, Qatar und die Türkei unterstützten schon ab 2011 oppositionelle Gruppen in Syrien, um das Regime von Bashar al-Assad zu stürzen. Warum? Bashar al-Assad stand vor allem unter russischem und iranischen Einfluss. Sein Sturz war eines der Ziele der Neuorganisierung des Mittleren Ostens. Auf der einen Seite waren neue und effizientere Handelsrouten, angeleitet durch die USA, geplant. Den russischen Einfluss in Syrien, sahen die USA, aber auch andere Profiteure der neuen Projekte, als potenzielles Sicherheitsrisiko. Auf der anderen Seite soll durch Unterstützung des Putsches die Logistikstraße der Hezbollah durch Syrien gekappt werden.
Terrorismus auf der internationalen Weltbühne
Nachdem die HTS in Syrien die Macht übernommen hatte, wurde sie von der internationalen Staatengemeinschaft mit Beglückwünschungen geradezu überschüttet. Der UN Sicherheitsrat, die USA und England hatten, neben weiteren Organisationen und Regierungen, die HTS als terroristische Organisation eingestuft. Heute haben alle Genannten diese Einstufung aufgehoben, trotz der belegten Menschenrechtsverletzungen und Kriegsverbrechen der Organisation, auch im letzten Jahr.
Die Lage in Syrien ist weiterhin instabil. Eine Vielzahl an Gruppen, Organisationen und bewaffneten Milizen warten nur auf die Möglichkeit, die Macht von der fragilen Übergangsregierung an sich zu reißen. Angriffe wie in Aleppo sind wie Wasser auf den Mühlen in einer sowieso schon unstabilen Region. Und auch internationale Kräfte ringen in Krisensituationen noch intensiver um Einfluss in Syrien.
Die Türkei: Außenpolitik des totalen Krieges
Wir wollen darlegen, angefangen mit der Türkei, welche Rolle die Interessen internationaler Regierungen in dem Konflikt spielen. Ayşegül Doğan, Sprecherin der DEM Partei, hatte schon im Juli die Regierung in Ankara für ihre destabilisierende Außenpolitik kritisiert und eine “Allianz des Friedens” zwischen Syrien, dem Irak, der autonomen Region in Südkurdistan und der Türkei vorgeschlagen. Doch die Bemühungen einiger Teile der Regierung in Ankara im letzten Jahr gingen in eine andere Richtung.
Anstatt eine vermittelnde und friedens-stiftende Rolle zu spielen, nutzte vor allem Hakan Fidan, der türkische Außenminister, seinen Einfluss in Syrien, um die Verhandlungen zwischen Damaskus und der Selbstverwaltung zu torpedieren. Mehrere Quellen sprechen davon, dass vor allem der Außenminister der Übergangsregierung, al-Shaibani, in engem Kontakt mit Fidan steht. Die Linie, die Fidan innerhalb des türkischen Staates vertritt, ist die Linie des Krieges. “Die SDF ändert ihre Position nur, wenn sie mit Gewalt konfrontiert wird” sagte er in einem Interview. Diese Sprache eskaliert und spitzt die Widersprüche zwischen der Übergangsregierung und der DAANES nur weiter zu.
Nach dem Putsch der HTS in Syrien, Ende des Jahres 2024, unterstützte der türkische Staat die Regierung in Damaskus mit Ausbildung von Soldaten und Rüstungslieferungen. Die Nachricht des türkischen Verteidigungsministers Yaşar Gülers, die “Türkei würde Syrien zur Hilfe eilen wenn das gewollt ist” ist keine brüderliche Solidaritätserklärung, sondern bestärkt nur mehr den Verdacht, dass eine Eskalation in Syrien von Teilen der türkischen Regierung aktiv versucht wird herbeizuführen.
Es ist eine Lehre, die wir aus der Geschichte ziehen können, dass das Bestehen auf die totale Vernichtung des kurdischen Volkes offensichtlich keine Lösung der kurdischen Frage erreichen konnte. Im Gegenteil: Selbst die Türkei, die sich durch ihre anti-Kurden Politik als Hegemon in der Region etablieren wollte, ist stattdessen heute mit tiefen ökonomischen und gesellschaftlichen Problemen konfrontiert.
Doch nach aktuellsten Informationen ist die Türkei nicht nur außenstehender Provakateur, sondern Partei in einem drohenden Krieg. Nach jüngsten Berichten des “Strategischen Forschungszentrums von Kurdistan” (NLSK) hat die Türkei bereits über 2000 Bandenmitglieder nach Girê Spî, eine von der Türkei seit 2019 besetzte Region im Norden Syriens, gesendet. Nach ihnen sei das Ziel der Verlegung dieser islamistischen Banden, die Kräfte der SDF mit kurzfristigen Angriffen aus dem Norden zu schwächen, während der Hauptangriff sich auf die Regionen in Deir Hafr und Meskene konzentrieren wird.
Die Komplizenschaft der EU, der USA und Israels
Die USA vertritt zu den aktuellen Angriffen nach außen eine Position der Deeskalierung. Doch ob ihr Interesse diesen Konflikt schnell zu beenden groß genug ist, um mit ihrer diplomatischen Kraft zu deeskalieren bleibt abzuwarten. Es steht außer Frage, dass eine labile Regierung wie die HTS ohne die Zustimmung der USA und Israels niemals einen solch groß-angelegten Angriff starten würde. Denn die USA möchte die DAANES in eine Verhandlungsposition bringen, indenen ihr nur die Kapitulation als einziger Ausweg bleibt. So könnte es in ihrem Interesse sein, den Konflikt in Syrien schnell vom Tisch zu kehren, um möglichst schnell die Regierung im Iran zu stürzen. Ob der Konflikt militärisch oder politisch gelöst wird, scheint für sie vor allem eine Frage der Zeit zu sein.
Finanzielle Unterstützung bekommt die HTS durch verschiedene Quellen. Heraus sticht die Europäische Union mit ihrer am 9. Januar angekündigten Unterstützung von 620 Millionen Euro für die Übergangsregierung. Ihre Interessen sind wohl primär, Syrien soweit zu stabilisieren, dass massive Abschiebungswellen nach Syrien, vor allem aus Deutschland, möglich werden. Das könnte eine Strategie sein um vor allem gegen die aufkommenden nationalistischen Parteien an politischem Boden zu gewinnen. Außerdem ist die Motivation der EU vermutlich, russischen und iranischen Einfluss zu beschränken. Eine neue Regierung könnte Russland erlauben verlorene Militärbasen wieder neu aufzubauen. Auch eine erneute Annäherung an den Iran und seine „Achse des Widerstandes“ könnte die EU befürchten.
Doch genau deshalb sollte sich vor allem die Europäische Union dafür einsetzen einen Krieg in Syrien zu verhindern. Die Truppen, die die HTS aus unstabilen Gebieten wie Latakia abgezogen, und in die Regionen westlich des Euphrats gesendet hat, werden anderen bewaffneten Gruppen Raum geben, Aufstände und vielleicht sogar Putschversuche zu starten. Nicht nur die drusische und alawitische Bevölkerung, auch Hardliner des sogenannten Islamischen Staates stehen mit der Regierung in Damaskus in Konflikt. Ein Angriff auf die DAANES birgt ernsthafte Risiken, die zu einem neuen Bürgerkrieg führen könnten. Das wäre weder im Interesse der EU, noch im Interesse der Völker der Region.
Eines dieser Risiken ist auch das erneute Ewachen des sogenannten Islamischen Staates (IS): Schon heute, am 15. Januar, versuchen Schläferzellen des sogenannten Islamischen Staates die Situation auszunutzen und starten bereits Angriffe auf Gefägnisse und IS-Gefangenen-Lager, um ihre Kämpfer für die geplanten Massaker zu mobilisieren. Die SDF erklärte, dass sie bereit sind jegliche Angriffe abzuwehren.
Nur eine Frage von Stunden: Der Angriff steht kurz bevor
Doch ein Krieg scheint nur noch wenige Stunden entfernt. Das NLSK spricht von geleakten Dokumenten, die den Angriffsplan der Übergangsregierung und der Türkei offenlegen. Nach dem ersten Angriff der Banden der HTS und des türkischen Staates in Deir Hafr und Meskene, plant die Übergangsregierung demnach mit ehemaligen IS-Kämpfern einen zweiten Angriff auf Reqqa und Deir Zor. Die Angriffe türkischer Drohnen auf die Region in den letzten Tagen deuten daraufhin, dass dieser Plan direkt von dem türkischen Geheimdienst MIT entwickelt wurde.
Der Anführer der HTS-Milizen, Ahmed al Sharaa, hat in einem Interview offen erklärt, um was es seiner Regierung bei dem Angriff wirklich geht: Und zwar um Öl, Gas, Landwirtschaft, Wasser und die Energiequellen Nord- und Ostsyriens.
Die Kriegspropaganda-Maschinerie der HTS und des türkischen Staates läuft derweilen bereits auf Hochtouren. Angst, Unsicherheit und Spaltung sind die Hauptziele ihrer schwarzen Propaganda. Ahmed al-Sharaa versucht aktuell gezielt die kurdische Bevölkerung von der Demokratischen Selbstverwaltung von Nord- und Ostsyriens loszulösen, indem er nationalistische Denkweisen und Bewegungen aktiv stärkt. Sein Ziel ist die kurdische Bevölkerung durch kulturelle Rechte ruhig zu stellen und ihren Kampf für ein freies, multi-ethnisches und demokratisches Syrien zu brechen.

Der Widerstand wird siegen!
Doch die kurdische Bevölkerung hat bereits in den letzten Tagen bewiesen das sie hinter der DAANES steht. Der Widerstand gegen den IS in Kobane und die Realität des Krieges der letzten 10 Jahre in Kurdistan haben bewiesen, dass die kurdische Gesellschafft durch ihren Widerstand auch die stärksten militärischen Gegner zurückschlagen kann.
Der Weg der Verhandlungen mag fürs erste gescheitert sein. Doch die Verteidigung der Revolution, und der Glaube an den Sieg, die Hoffnung, das das Gute siegen kann und siegen wird, sollte jetzt zur Grundlage unseres Widerstandes werden: Zusammen an einer Front, zusammen mit unseren Genossinnen und Genossen in Rojava, werden wir die islamistischen Banden und ihre internationale Komplizenschaft zurückschlagen!